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Unsere ureigene Sprache

Stelle dir einmal vor wie es sich anfühlt, wenn jeder seine ganz eigene Sprache spricht - die Seelensprache, die Sprache des Herzens. Na, fühlt sich dieser Gedanke nicht aufregend, abenteuerlich und gleichzeitig wunderschön harmonisch an?

Wir sprechen eine Sprache. Es existieren mehrere tausend Sprachen auf der Welt. Das können wir hier wohl kaum glauben. Wir lernen unsere Sprache, in der Schule hochdeutsch, daheim wohl eher einen regionalen Dialekt und dazu noch die Umgangssprache sowie Art und Weise derer, mit denen wir zusammen leben. In der Schule können wir außerdem weitere Sprachen lernen, meistens ist das als erstes Englisch, welche als Weltsprache deklariert wurde. Manchmal dann noch eine weitere, z.B. Französisch, Spanisch, Russisch, vielleicht auch Latein, Italienisch oder Türkisch. Dann hört es meist schon auf. Damit hört gleichzeitig auch die Vorstellung davon auf wie viele Sprachen es noch gibt. Laut Forschern eben mehrere Tausende. Es wird jedoch gesagt, dass es immer weniger werden. Auch hier scheinen wir, wie in so vielen Bereichen unseres Lebens, immer einheitlicher zu denken, zu handeln, in diesem Fall zu sprechen. Alles soll vereinheitlicht werden. Angeblich, damit es für alle einfacher und klarer wird. 

Doch wie oft merken wir, dass durch unsere gesprochenen Worte Missverständnisse, gar Streitigkeiten hervorgerufen werden. Aufgrund der eigenen Erfahrungen und Vorstellungen definiert jeder einzelne jedes einzelne Wort unterbewusst unterschiedlich. Wir sagen also dasselbe, meinen aber ganz oft etwas anderes als der andere glaubt. Vieles was wir ausdrücken wollen, vor allem das, was uns wichtig ist, von Herzen kommt, können wir gar nicht in Worte fassen. Wenn wir uns also mit jemandem von Herz zu Herz, wahrhaftig, offen, ehrlich unterhalten wollen, müssen wir eine andere Sprache finden, eine ganz eigene, nur für diesen Moment, nur für diese Herzen, die sich verbinden. Ganz oft wird in diesen Momenten gar nichts gesprochen. Stille. Doch in dieser Stille wird dennoch ganz viel gesprochen - mit dem Körper, Mimik, Gestik, mit dem Gefühl, vielleicht hier und da mit ein paar Tönen und Lauten. Mehr nicht. Und nach diesem Gespräch? Fühlen wir uns verstanden, fühlen wir uns beseelt, sind wir eins, mit uns selbst, mit dem oder denen, denen wir gerade begegnen, mit der Welt, mit allem. 

Mein drei Monate junges Kind liegt vor mir. Es brabbelt fröhlich mit mir. Brabbeln? Nein. Reden, sprechen, kommunizieren. Es entwickelt seine eigene Sprache. Wirklich entwickeln? Vielleicht. Vielleicht ist sie aber auch schon immer da gewesen und wird jetzt nur hörbar. Vor den ersten Tönchen habe ich mich ja bereits mit ihm unterhalten. Was war das denn für eine Sprache? Ja, manchmal habe ich Worte mit ihm gesprochen, deutsch, so wie es bei uns üblich ist. Doch wenn ich ganz genau hinspüre, haben wir anders kommuniziert: Stiller, leiser, ohne Worte, mit Gefühl, mit dem Geist oder wie auch immer es genannt wird. Dafür gibt es eben keine Worte. Und wenn mein Herz ruhig und offen ist, verstehe ich es ganz genau, ganz ohne Worte, besser sogar als mit Worten. 

Plötzlich erkenne ich auch: Jeder kommt mit seiner ganz eigenen Sprache auf die Welt. Jeder ist neugierig und will die Sprachen anderer verstehen. 

Doch wieso sind wir der Meinung, dass wir alle eine Sprache sprechen, alle dieselben Worte verwenden müssten? Wie wäre es denn, wenn wir als Eltern z.B. probieren die Sprache des Kindes zu lernen? Intuitiv machen wir das anfangs auch. Versuchen aber oft gleichzeitig beharrlich den kleinen festgelegte Worte beizubringen. Wieso nicht anders herum?

Wie wäre es denn, wenn wir plötzlich mit unseren Kindern unsere, besser gesagt deren eigene Sprache sprechen würden? 

Was das plötzlich für eine Vielfalt ist. Wie das plötzlich das individuelle, einzigartige Wesen und Sein jedes Einzelnen unterstützt und erhält. 

Am Ende hätten wir so viele Sprachen wie Menschen auf der Welt. Gar nicht so abwegig, oder?

Denn, wenn wir ganz genau hinein spüren, erkennen wir, dass wir uns von Herz zu Herz, von Seele zu Seele, in tiefer Verbindung, ganz ohne oder eben mit individuellen Worten, immer verstehen. Das Schöne daran ist, dass sich so jeder auf sein Gegenüber einlässt, sich öffnet. Und plötzlich fühlt sich jeder verstanden, jeder gehört, jeder wahr- und ernst genommen, ja, sogar wichtig und bedeutungsvoll genau so wie er ist. So erhält sich jeder sein Wesen, sein Sein und kann ganz fröhlich und leicht durchs Leben gehen, seine Aufgaben erfüllen, friedvoll und harmonisch mit allen zusammenleben und seinen Beitrag zur bunten Vielfalt der Welt beitragen.

Für mich ist diese Vorstellung ganz und gar wundervoll und ganz und gar nicht abwegig.

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